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Ein Traum.
admin — 9 July, 2010 - 19:16
Es ist Freitag - Feierabend.17.00 Uhr. Draußen ist blendendes Wetter. Es hat bestimmt noch über 30 Grad Celsius im Schatten.
Und trotzdem - irgendetwas ist komisch. Irgendetwas fehlt. Draussen zieht die Landschaft an mir vorbei, während ich in der S-Bahn sitze. Es ist Wochenende und trotzdem. Trotzdem fehlt etwas. Ärgerlich runzel ich die Stirn. Wieso fühle ich mich so komisch. Was ist denn das überhaupt für ein Gefühl?
Ich lausche nachdenklich in mich hinein. Ich fühle. Ich fühle eine Leere. Ein flaues Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit. Und ja - Traurigkeit. Ich bin traurig. Aber warum nur? Ich horche weiter in mich hinein - lausche leise meinem Herzschlag. Warum? In stiller Verzweiflung betrachte ich die anderen Fahrgäste. Die meisten still. Mit ihrem Mobiltelefon beschäftigt oder Kopfhörer in den Ohren. Was ist bloß anders heute?
Und plötzlich fange ich ganz langsam an, mein Gefühl zu verstehen. Wie eine leichte Sommerbrise überkommt mich langsam die Erkenntnis, dass ich etwas vermisse.
Ein bischen wie Liebeskummer. Nicht wie der frische, brennende und zornige Liebeskummer der ersten Stunde, sondern viel mehr wie später das verzweifelte, sehnsüchtige Gefühl, etwas unwiderruflich verloren zu haben. Etwas Wundervolles, das nie wiederkommt. Es hinterlässt ein schales Loch, ein schwaches, aber dennoch grausames Echo dieses Gefühls, das man vermisst. Was vermisse ich nur?
Wieder betrachte ich die vorbeiziehenden Strassen aus dem Fenster heraus. Die Autos, die im trägen Feierabendverkehr durch den Verkehr kriechen. Die Autos. Etwas fehlt an ihnen. Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen! Es fehlen. Die Fahnen!
Es fehlt das Meer an schwarz-rot-goldenen Fähnchen an den Scheiben der Fahrzeuge. Die putzigen Überziehen über den Seitenspiegeln. Es fehlt das aufgeregte Drehen am Radioschalter, das nervöse Durchsuchen der Sportseiten nach Neuigkeiten. Die geradezu ununterbrochene Berichterstattung im Fernsehen. Das aufgeregte Warten auf das nächste Spiel. Die Unterhaltungen und hitzigen Disskusionen – um Aufstellungen, um Spieler, um Trainer und Ergebnisse. Das Lachen. Das Jubeln. Das Fluchen. Das Schimpfen. Das unbedingte Gefühl jemanden zu mögen, nur weil er sich die Deutschland-Farben auf das Gesicht gemalt hat. Das Gefühl, dabei zu sein. Das Gefühl, dazu zu gehören. Das Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein, unter Bekannten, unter Freunden. Das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen. Das Gefühl an etwas Großartigem teilzunehmen. An etwas Besonderem. Das Gefühl, dass dieser Sommer ... dass dieser Sommer einmalig ist, dass er vielleicht unvergesslich wird. Das Gefühl, dass das Unmögliche möglich wird. Das Gefühl, dass dieser Sommer Traum und gleichzeitig Wirklichkeit ist. Dass ein Traum manchmal eben doch wahr werden kann!
Ja, das ist es was ich vermisse. Ich vermisse den Traum.
(09.07.2010 - 2 Tage, nachdem die deutsche Nationalmanschaft mit 0:1 im Halbfinale gegen Spanien ausgeschieden ist.)
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